Léopold Rabus - Presse: Mainecho  - Kultur, 16. Dezember
 

Schneeflocken wie Tränen

Die drollig-frechen Maulwürfe sehen aus, als krabbelten sie gerade eben an der Wand hoch, die kleine Vierjährige ihnen zu Füßen wäscht ihre überlangen schwarzen Haare in einem Planschbecken, von oben schneit es riesige Flocken und ein Bambi mit Engelsflügeln sorgt dafür, dass alles seine märchenhaft-unwirkliche »Ordnung« hat...
Die junge Ulrike Adler (Hanauer Landstraße 134) ist, seit sie in Frankfurt die Galerien-Szene bereichert, für jede Überraschung gut. Sie hat den 27-jährigen Schweizer Leopold Rabus an den Main geholt und ganz offenbar einen Volltreffer gelandet. Zumindest sorgt er für Aufsehen. Weil er Grenzen überschreitet - ganz bewusst. Er nimmt in Kauf, dass es Menschen gibt, die über seine Bilder lächeln, dass sie irritiert sind, das sie sich über so viel vermeintlichen Kitsch an den Kopf greifen. Für ihn ist Malen, das reine Vergnügen. Was jedoch nicht bedeutet, dass seine Einfälle so vergnüglich sind, wie das, was er auf der Leinwand aus ihnen macht.
Seine grotesken, märchenhaft-surrealistischen Bildideen kommen nicht von ungefähr. Schon durch die Materialien bürstet der »gelernte« Kunstschulabsolvent - dem es auch darauf nicht ankommt, sondern eher auf die pure Intuition - vehement gegen den Strich: Er »malt« mit Nagellack, Wachs und Glitzerpartikeln, bedeckt seine teilweise übergroßen (Wasser-)Köpfe mit Echthaar, erzählt seine Geschichten nach Art eines absurden Mysterienspiels. Nicht Blut fließt wie bei Herrmann Nitsch, sondern Tränen. Und die weinen vornehmlich die weiblichen Figuren. Ihre traurigen Gesichter strahlen aus, was ihnen in den letzten 2000 Jahren an Bedeutung vorenthalten wurde. Die Dinge bekommen bei Rabus eine andere, individuelle Symbolik.
Schneeflocken fallen wie Tränen vom Himmel, Blumen wachsen aus den Köpfen, gegelte Gigolos nach Manier der 20er Jahre verdrehen ihre Augen blicklos himmelwärts, alles wirkt seltsam statisch, wie eingefroren. Was ihn letztlich zu seiner provozierenden Aussage veranlasst, bringt der sein malerisches ebenso wie zeichnerisches Handwerk hervorragend beherrschende Künstler ohne Schnörkel auf den Punkt: »Ich spreche gewisse Personen heilig oder exkommuniziere sie. Um Gefühle oder ein Erlebnis leichter ausdrücken zu können, lasse ich mich von folkloristischen Masken oder populären Darstellungen von Heiligen inspirieren. Der Mensch hat sich schon immer auf die Knie geworfen, um Gott, einen Baum oder eine Flasche zu verfluchen oder zu preisen...« Rabus rüttelt auf. Sich und den Rest der Welt. Lieber schlägt er sich die Nächte mit Straßenmusikanten um die Ohren, spielt Theater und setzt irgendwann seinen Traum in die Tat um, mit einem Bus durch die Taiga zu fahren, lieber verstört er seine Umwelt mit Bildern aus Strass und Nagellack, lieber holt er die Madonnen vom Sockel, als sich anzupassen an eine Welt, die nicht die seine ist. Rabus ist ein Schwieriger. Aber ein mutiger Schwieriger. Einer der Huren zu Heiligen macht...

Gundel-Maria Busse

 




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