|
Schneeflocken wie Tränen
Die drollig-frechen Maulwürfe sehen aus, als krabbelten sie gerade eben an
der Wand hoch, die kleine Vierjährige ihnen zu Füßen wäscht ihre überlangen
schwarzen Haare in einem Planschbecken, von oben schneit es riesige Flocken
und ein Bambi mit Engelsflügeln sorgt dafür, dass alles seine
märchenhaft-unwirkliche »Ordnung« hat...
Die junge Ulrike Adler (Hanauer Landstraße 134) ist, seit sie in Frankfurt
die Galerien-Szene bereichert, für jede Überraschung gut. Sie hat den
27-jährigen Schweizer Leopold Rabus an den Main geholt und ganz offenbar
einen Volltreffer gelandet. Zumindest sorgt er für Aufsehen. Weil er Grenzen
überschreitet - ganz bewusst. Er nimmt in Kauf, dass es Menschen gibt, die
über seine Bilder lächeln, dass sie irritiert sind, das sie sich über so
viel vermeintlichen Kitsch an den Kopf greifen. Für ihn ist Malen, das reine
Vergnügen. Was jedoch nicht bedeutet, dass seine Einfälle so vergnüglich
sind, wie das, was er auf der Leinwand aus ihnen macht.
Seine grotesken, märchenhaft-surrealistischen Bildideen kommen nicht von
ungefähr. Schon durch die Materialien bürstet der »gelernte«
Kunstschulabsolvent - dem es auch darauf nicht ankommt, sondern eher auf die
pure Intuition - vehement gegen den Strich: Er »malt« mit Nagellack, Wachs
und Glitzerpartikeln, bedeckt seine teilweise übergroßen (Wasser-)Köpfe mit
Echthaar, erzählt seine Geschichten nach Art eines absurden Mysterienspiels.
Nicht Blut fließt wie bei Herrmann Nitsch, sondern Tränen. Und die weinen
vornehmlich die weiblichen Figuren. Ihre traurigen Gesichter strahlen aus,
was ihnen in den letzten 2000 Jahren an Bedeutung vorenthalten wurde. Die
Dinge bekommen bei Rabus eine andere, individuelle Symbolik.
Schneeflocken fallen wie Tränen vom Himmel, Blumen wachsen aus den Köpfen,
gegelte Gigolos nach Manier der 20er Jahre verdrehen ihre Augen blicklos
himmelwärts, alles wirkt seltsam statisch, wie eingefroren. Was ihn
letztlich zu seiner provozierenden Aussage veranlasst, bringt der sein
malerisches ebenso wie zeichnerisches Handwerk hervorragend beherrschende
Künstler ohne Schnörkel auf den Punkt: »Ich spreche gewisse Personen heilig
oder exkommuniziere sie. Um Gefühle oder ein Erlebnis leichter ausdrücken zu
können, lasse ich mich von folkloristischen Masken oder populären
Darstellungen von Heiligen inspirieren. Der Mensch hat sich schon immer auf
die Knie geworfen, um Gott, einen Baum oder eine Flasche zu verfluchen oder
zu preisen...« Rabus rüttelt auf. Sich und den Rest der Welt. Lieber schlägt
er sich die Nächte mit Straßenmusikanten um die Ohren, spielt Theater und
setzt irgendwann seinen Traum in die Tat um, mit einem Bus durch die Taiga
zu fahren, lieber verstört er seine Umwelt mit Bildern aus Strass und
Nagellack, lieber holt er die Madonnen vom Sockel, als sich anzupassen an
eine Welt, die nicht die seine ist. Rabus ist ein Schwieriger. Aber ein
mutiger Schwieriger. Einer der Huren zu Heiligen macht...
Gundel-Maria Busse
|