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Heiner Blum
Spielen mit der Systemsoftware
Über die Arbeiten von Laura Kuch
Sollte man ein Loch in den Boden seines Ruderboots bohren, um zu sehen, was
sich darunter verbirgt; an dem Ast sägen, auf dem man gerade sitzt, um
herauszufinden, was passiert? Mit den Grundlagen der Existenz spielt man
nicht herum und wenn doch, so wird’s richtig spannend, wie bei den Arbeiten
von Laura Kuch.
Sie führt die Sklaverei wieder ein, wenn auch nur für kurze Zeit: Wie fühlt
es sich an, einen Menschen zu mieten? In der Vorstellung ganz schön
kribbelig, in der Realität ziemlich Scheiße, denn die Mietsache ergreift
Besitz von der Situation und macht seinen Herrn zu Schnecke: Wer mächtig
sein will, sitzt mächtig in der eigenen Tinte.
Wer schön sein möchte, schaut in den Spiegel und ist doch selten ganz
zufrieden. Laura Kuch hilft und spendiert uns hübsche Gesichter, die wir als
Projektion über unser Antlitz legen können. Das
Schöne und das Eigene verschmelzen, und heraus kommen Zombies, genau wie im
Leben.
Dann doch lieber tauschen: Die Servicestation »1:1« bietet die Möglichkeit,
ein anderes, ein besseres Leben zu finden und mit dem Einverständnis dessen
Besitzers alles zu tauschen: die komplette Existenz, oder vielleicht doch
lieber nur die Eltern oder zum Anfang erst Mal (bei gleicher Größe) Hemd und
Hose.
Wer das nicht aushält, ruft nach seiner Mama und wird dabei von Laura Kuch
auf Band aufgenommen. Die Rufe nach der Mutter verhallen als Installation im
Treppenhaus eines Kaufhauses und tunneln den ahnungslosen Passanten in die
Untiefen seiner eigenen Kindheit.
Wird das Kind älter und will kein Kind mehr sein, horchen die besorgten
Eltern an der Tür und empfangen zwischen brachialen Gitarrenriffs die neue
Botschaft:»Fuck you I won’t do what you tell me« lautet die Parole der
Abnabelung. Laura Kuch loopt die Soundpassage von «Rage Against The Machine«
und pumpt uns in einen hypnotischen Sog zwischen Alles Wollen und Alles
verneinen.
Mit zwei Videotracks und zwei Flatscreens baut sie eine Liebesmaschine. Über
Kopfhörer empfangen wir die magischen drei Worte. Jeden der Protagonisten
erleben wir zwei Mal: am Anfang des Hoffens
und zu Beginn der Resignation. Die Botschaften umklammern und können nicht
halten, was längst schon wieder längst verloren ist...
Dann lieber doch gleich schreien: laut und willenlos, ohne Anlass, einfach
so? Für eine Videoinstallation bittet die Künstlerin zahllose Personen, mal
richtig los zu lassen und was Herr Munch noch nicht wusste: Es fühlt sich
richtig gut an.
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