Nasan Tur - Texte


Zumeist an öffentlichen Orten beobachtet Nasan Tur den Menschen und seine Verhaltensmuster und führt auf kritische, aber zugleich auch humorvolle Weise Untersuchungen zu unserer kulturellen und sozialen Identität durch. Skulptur, Fotografie, Videoinstallation und Performance sind die verschiedenen Ausdrucksmittel seiner künstlerischen Arbeit, die mit den etablierten gesellschaftlichen Konventionen und damit eben auch mit den Erwartungen des Betrachters spielen.




Text zur Ausstellung "Das erinnerte Haus", Mobile Städtische Galerie im Museum Folkwang:

Die Arbeiten des in Frankfurt/M. lebenden Künstlers Nasan Tur irritieren. Sie spielen mit den Erwartungen des Betrachters, legen etablierte gesellschaftliche Denkmuster offen und unterminieren so die Konventionen der Wahrnehmung von Mensch, Kunst und Gesellschaft. So fotografierte er für die Bildserie Two Days (2000) mehrere Personen im Abstand von zwei Tagen jeweils unter exakt den gleichen technischen Bedingungen, zur gleichen Tageszeit und in der gleichen Kleidung. Im direkten Vergleich machten die Fotografien eines jeden Bildpaares die subtilen körperlichen Veränderungen sichtbar, die sonst meist nicht auffallen. Die Fotografie Self Portrait (2000) entstand vor dem Hintergrund der deutschen Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft Ende der 1990er Jahre. Turs „Selbstportrait“ zeigt den deutschen Personalausweis des Künstlers, der sich extra für das Passbild einen Schnurrbart wachsen ließ. Durch den Bart inszeniert sich der Künstler als deutsches Klischeebild vom türkischen Mann (– eine Selbststilisierung, die er in Ausstellungen stets dadurch sichtbar macht, dass er die Entstehung des Passfotos erklärt). Der „türkische“ Schnurrbart auf dem deutschen Passbild unterläuft gängige Vorstellungen national-kultureller Zugehörigkeit und stellt damit die Frage, was denn – kollektive wie persönliche – Identität eigentlich ausmache. Indem er unter dem Titel des Selbstportraits eine Fotografie seines Personalausweises zeigt, verweist Tur zudem auf die Reduzierung von Identität auf amtliche Daten, aber auch auf die hier gerade nicht eingehaltenen Konventionen des Portraits, die eine individuelle und zugleich für den Portraitierten charakteristische Darstellung verlangen.
Wie sehr Identifizierbarkeit, Sichtbarkeit mit stereotypen Vorstellungen der Betrachter zusammenhängen, macht auch Turs aktuelle Videoinstallation Invisible (2004) im Badischen Kunstverein Karlsruhe deutlich. Für diese Arbeit filmte der Künstler die Eingänge mehrerer Moscheen im Karlsruher Raum. Die fast wie Standbilder wirkenden Videos führt er auf zehn Fernsehbildschirmen vor, die er in einem schlichten Metallregal ausstellt. Die unscheinbare Präsentation entspricht dem Bild, das der Betrachter von den Moscheen erhält, die überwiegend in regulären Wohnhäusern untergebracht sind. Da sie nicht den verbreiteten Bildern der Moschee als Prachtbau mit Kuppel und Minaretten entsprechen, sind die Gebäude rein äußerlich nicht als islamische Gotteshäuser zu erkennen. Turs Videos legen auf eindrucksvolle, dabei unspektakuläre Weise Zeugnis von der verbreiteten Unsichtbarkeit islamischer Kultur und Religion in vielen deutschen Großstädten ab.
Nasan Tur versteht viele seiner Werke als performative Interventionen im öffentlichen Raum, als dynamische, nicht dauerhafte künstlerische Eingriffe in den städtischen Alltag. Für sein Projekt Singing Performance (1998) beispielsweise bestieg der Künstler zehn Tage lang fünfmal täglich den Turm der Offenbacher Stadtkirche und sang in verschiedenen Sprachen selbstverfasste Texte, die sich mit spirituellen Themen wie Liebe oder Religion befassten. Über Lautsprecher wurden seine Gesänge in die Stadt übertragen, in deren Zentrum sich die heute nicht mehr genutzte evangelische Kirche befindet. Der getragene, weiche Gesang in fremder Sprache, die religiösen Texte wie auch der Kirchturm und
die mehrfach tägliche Darbietung erinnerten an die Gebetsrufe islamischer Muezzine. Wie Tur in seiner Präsentation berichtete, fühlten sich viele Menschen von seiner Darbietung angezogen. Einige Besucher und Anwohner aus anderen Ländern übersetzten Turs Texte in weitere Sprachen; sie halfen dem Künstler dabei, diese Versionen einzustudieren und sangen sie teilweise sogar gemeinsam mit ihm. Für Tur offenbarten seine Performance und die viel-fältigen positiven Reaktionen darauf das körperliche und emotionale Potential von Religion als gesellschaftliche und sinnlich erfahrbare Kraft.
Andere Videoarbeiten von Nasan Tur dokumentieren und inszenieren ein weniger auffälliges Eingreifen des Künstlers in den öffentlichen Raum. Das aus einem dreiminütigen Loop bestehende Video The Puddle and the Blue Sky (2001) beschäftigt sich mit der „Störfunktion“ der Regenpfütze auf der Straße: es zeigt einen nur mit Badehose bekleideter Mann, der auf einem Berliner Parkplatz in einer Pfütze liegt und bedächtig mit den Armen rudert. Irgendwann fährt ein Auto heran und umfährt das ungewöhnliche „Hindernis“, als wäre ein Mann in einer Pfütze ein alltäglicher Anblick. Bild und Ton des Videos laufen dabei in slow motion ab. Dadurch repliziert es, so der Künstler in seiner Präsentation, eine Wahrnehmung, wie man sie unter Wasser hat: alles ist leiser, langsamer, und die Hektik des städtischen Alltags wird unterlaufen. Für die Videoserie Purzelbaummann (2001-04) filmte Tur sich selbst, wie er an belebten Orten verschiedener Großstädte Purzelbäume schlagend eine gewisse Wegstrecke zurücklegt. Die einzelnen Videos der Reihe offenbaren unterschiedlichste Reaktionen der anwesenden Passanten: während der Künstler am Fuße des Pariser Eiffelturms die Blicke der Neugierigen auf sich zieht, erhält er auf einer Tokyoer Kreuzung so gut wie keine Beachtung. Die Installation Bar (2003) dagegen inszenierte das Schauen geradezu. Tur richtete hierfür zwei spiegelbildlich identische Bars ein und installierte Videoleinwände an deren Stirnseiten. Kameras nahmen das Geschehen in beiden Räumen auf und projizierten es live auf die Leinwand der jeweils anderen Bar. Die Besucher waren so einer steten Beobachtung aus dem Nebenraum ausgesetzt, konnten ihre Beobachter aber auch selbst auf der Leinwand verfolgen. Das Bewusstsein um die Beobachtung begleitete die Barbesucher durch den Abend; zugleich wurde die stete Präsenz der Kamera zunehmend ignoriert und somit normalisiert.


Quelle: http://www.kommunikation-staedtische-galerie.de/1_tur.htm
 

 

 

 
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