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Text zur Ausstellung "Das erinnerte Haus", Mobile Städtische Galerie im
Museum Folkwang:
Die Arbeiten des in Frankfurt/M.
lebenden Künstlers Nasan Tur irritieren. Sie spielen mit den Erwartungen des
Betrachters, legen etablierte gesellschaftliche Denkmuster offen und
unterminieren so die Konventionen der Wahrnehmung von Mensch, Kunst und
Gesellschaft. So fotografierte er für die Bildserie Two Days (2000) mehrere
Personen im Abstand von zwei Tagen jeweils unter exakt den gleichen
technischen Bedingungen, zur gleichen Tageszeit und in der gleichen
Kleidung. Im direkten Vergleich machten die Fotografien eines jeden
Bildpaares die subtilen körperlichen Veränderungen sichtbar, die sonst meist
nicht auffallen. Die Fotografie Self Portrait (2000) entstand vor dem
Hintergrund der deutschen Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft Ende
der 1990er Jahre. Turs „Selbstportrait“ zeigt den deutschen Personalausweis
des Künstlers, der sich extra für das Passbild einen Schnurrbart wachsen
ließ. Durch den Bart inszeniert sich der Künstler als deutsches Klischeebild
vom türkischen Mann (– eine Selbststilisierung, die er in Ausstellungen
stets dadurch sichtbar macht, dass er die Entstehung des Passfotos erklärt).
Der „türkische“ Schnurrbart auf dem deutschen Passbild unterläuft gängige
Vorstellungen national-kultureller Zugehörigkeit und stellt damit die Frage,
was denn – kollektive wie persönliche – Identität eigentlich ausmache. Indem
er unter dem Titel des Selbstportraits eine Fotografie seines
Personalausweises zeigt, verweist Tur zudem auf die Reduzierung von
Identität auf amtliche Daten, aber auch auf die hier gerade nicht
eingehaltenen Konventionen des Portraits, die eine individuelle und zugleich
für den Portraitierten charakteristische Darstellung verlangen.
Wie sehr Identifizierbarkeit, Sichtbarkeit mit stereotypen Vorstellungen der
Betrachter zusammenhängen, macht auch Turs aktuelle Videoinstallation
Invisible (2004) im Badischen Kunstverein Karlsruhe deutlich. Für diese
Arbeit filmte der Künstler die Eingänge mehrerer Moscheen im Karlsruher
Raum. Die fast wie Standbilder wirkenden Videos führt er auf zehn
Fernsehbildschirmen vor, die er in einem schlichten Metallregal ausstellt.
Die unscheinbare Präsentation entspricht dem Bild, das der Betrachter von
den Moscheen erhält, die überwiegend in regulären Wohnhäusern untergebracht
sind. Da sie nicht den verbreiteten Bildern der Moschee als Prachtbau mit
Kuppel und Minaretten entsprechen, sind die Gebäude rein äußerlich nicht als
islamische Gotteshäuser zu erkennen. Turs Videos legen auf eindrucksvolle,
dabei unspektakuläre Weise Zeugnis von der verbreiteten Unsichtbarkeit
islamischer Kultur und Religion in vielen deutschen Großstädten ab.
Nasan Tur versteht viele seiner Werke als performative Interventionen im
öffentlichen Raum, als dynamische, nicht dauerhafte künstlerische Eingriffe
in den städtischen Alltag. Für sein Projekt Singing Performance (1998)
beispielsweise bestieg der Künstler zehn Tage lang fünfmal täglich den Turm
der Offenbacher Stadtkirche und sang in verschiedenen Sprachen
selbstverfasste Texte, die sich mit spirituellen Themen wie Liebe oder
Religion befassten. Über Lautsprecher wurden seine Gesänge in die Stadt
übertragen, in deren Zentrum sich die heute nicht mehr genutzte evangelische
Kirche befindet. Der getragene, weiche Gesang in fremder Sprache, die
religiösen Texte wie auch der Kirchturm und
die mehrfach tägliche Darbietung erinnerten an die Gebetsrufe islamischer
Muezzine. Wie Tur in seiner Präsentation berichtete, fühlten sich viele
Menschen von seiner Darbietung angezogen. Einige Besucher und Anwohner aus
anderen Ländern übersetzten Turs Texte in weitere Sprachen; sie halfen dem
Künstler dabei, diese Versionen einzustudieren und sangen sie teilweise
sogar gemeinsam mit ihm. Für Tur offenbarten seine Performance und die
viel-fältigen positiven Reaktionen darauf das körperliche und emotionale
Potential von Religion als gesellschaftliche und sinnlich erfahrbare Kraft.
Andere Videoarbeiten von Nasan Tur dokumentieren und inszenieren ein weniger
auffälliges Eingreifen des Künstlers in den öffentlichen Raum. Das aus einem
dreiminütigen Loop bestehende Video The Puddle and the Blue Sky (2001)
beschäftigt sich mit der „Störfunktion“ der Regenpfütze auf der Straße: es
zeigt einen nur mit Badehose bekleideter Mann, der auf einem Berliner
Parkplatz in einer Pfütze liegt und bedächtig mit den Armen rudert.
Irgendwann fährt ein Auto heran und umfährt das ungewöhnliche „Hindernis“,
als wäre ein Mann in einer Pfütze ein alltäglicher Anblick. Bild und Ton des
Videos laufen dabei in slow motion ab. Dadurch repliziert es, so der
Künstler in seiner Präsentation, eine Wahrnehmung, wie man sie unter Wasser
hat: alles ist leiser, langsamer, und die Hektik des städtischen Alltags
wird unterlaufen. Für die Videoserie Purzelbaummann (2001-04) filmte Tur
sich selbst, wie er an belebten Orten verschiedener Großstädte Purzelbäume
schlagend eine gewisse Wegstrecke zurücklegt. Die einzelnen Videos der Reihe
offenbaren unterschiedlichste Reaktionen der anwesenden Passanten: während
der Künstler am Fuße des Pariser Eiffelturms die Blicke der Neugierigen auf
sich zieht, erhält er auf einer Tokyoer Kreuzung so gut wie keine Beachtung.
Die Installation Bar (2003) dagegen inszenierte das Schauen geradezu. Tur
richtete hierfür zwei spiegelbildlich identische Bars ein und installierte
Videoleinwände an deren Stirnseiten. Kameras nahmen das Geschehen in beiden
Räumen auf und projizierten es live auf die Leinwand der jeweils anderen
Bar. Die Besucher waren so einer steten Beobachtung aus dem Nebenraum
ausgesetzt, konnten ihre Beobachter aber auch selbst auf der Leinwand
verfolgen. Das Bewusstsein um die Beobachtung begleitete die Barbesucher
durch den Abend; zugleich wurde die stete Präsenz der Kamera zunehmend
ignoriert und somit normalisiert.
Quelle:
http://www.kommunikation-staedtische-galerie.de/1_tur.htm
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