Vom 12. März bis zum 1. Mai 2010 zeigt Galerie Adler erstmals Werke der in Berlin lebenden Künstlerin ANOUK KRUITHOF (*1981, Dordrecht, Niederlande). Die Ausstellung BECOMING BLUE war 2009 bereits im Het Domein Museum in Sittard, NL sowie im Künstlerhaus Bethanien, Berlin zu sehen.
Die Personen auf den Fotografien von Anouk Kruithof wirken verletzlich; vielleicht gerade aufgrund ihrer ausdrucksstarken Gesichter, die die Empfindsamkeit umso deutlicher offenbaren. Blau gekleidet vor gleichfarbigem Hintergrund haben sie Schwierigkeiten sich zu behaupten, scheinen sich beinahe aufzulösen in dem sie umgebenden Blau.
Das verstörende Moment der Bilder gründet sich jedoch vor allem
darauf, dass Kruithof in einem Moment auf den Auslöser drückt, in dem
die Porträtierten keine bewusste Kontrolle über ihre Mimik, Gestik oder
Körperhaltung ausüben. Wir sehen sie im dem kurzen Augenblick, in dem
ihr Körper reagiert, ohne dass das Bewusstsein darauf Einfluss nehmen
kann – eine Situation, die verwundbar und hilflos macht. Diese von der
Künstlerin intendierten „Zwischen-Momente emotionaler Befindlichkeiten“
wie sie sie nennt, zeigen drastisch, wie leicht unsere normalerweise
sorgsam kontrollierte Fassade zerbrechen kann. Diesen Kontrollverlust
erwirkt Anouk Kruithof durch gezielte Aktionen. Die „Momentaufnahmen“,
mit denen sie dann die Empfindungen der verschiedenen Personen festhält,
sind eine Dokumentation außergewöhnlicher menschlicher Gemütsregungen.
In einigen der Portraits von BECOMING BLUE konterkariert Kruithof
den positiven Aspekt der Farbe Blau, die im Allgemeinen mit Ruhe und
Entspannung in Verbindung gebracht wird. Sie betont dagegen den Moment,
der im Ausdruck „out of the blue = aus heiterem Himmel“ mitschwingt; den
kurzen Augenblick, in dem sich eine Situation plötzlich ändern kann,
ohne zu offenbaren, was im weiteren Verlauf passieren wird. Gezielt
erzeugt die Künstlerin Situationen, in denen ihre Protagonisten jäh
aufgeschreckt werden, um dann diese Schrecksekunde im Bild zu bannen.
Aber auch wenn sie Menschen in der Entspannung zeigt, wählt sie den
Moment der tiefsten Versunkenheit, in dem die Personen nicht auf ihre
Außenwirkung achten und Ausdruck und Haltung nicht bewusst
steuern.
Auch der vermeintlich unbeteiligte Betrachter von
BECOMING BLUE wird der Gefahr des Kontrollverlusts ausgesetzt, wenn er
das sorgsam als Installation konzipierte Werk besichtigt. Außer
mit den Porträts, sieht er sich mit einer Wand aus 4.000 Büchern
konfrontiert, die wiederum durch die Videoprojektion einer ähnlichen
Bücherwand komplementiert wird. Die Gleichmäßigkeit der blau in
blau gehaltenen Fotografien und die farblich wie strukturell inhomogene
Bücherbarriere erzeugen eine Atmosphäre, die zwischen statischer
Ruhe und verborgener Dynamik oszilliert.
Ein Spannungsbogen
entsteht: Orientierungslosigkeit und Unsicherheit des Betrachters
wachsen erst, um dann nach einer längeren Zeit in der nichts geschehen
ist, einem Gefühl vager Sicherheit zu weichen. In diesem Moment
ertönt ein lauter Krach und die projizierte Bücherwand bricht
zusammen. Der Schreck über den Lärm macht aus dem Betrachter – ohne dass
er dies verhindern kann – ein Äquivalent der Personen auf den Fotos.
BECOMING BLUE bildet ein faszinierendes Zusammenspiel räumlicher,
bildlicher, installativer und konzeptioneller Komponenten, deren Wirkung
ebenso irritierend wie eindrucksvoll ist. Anouk Kruithofs Rolle ist
dabei äußerst aktiv: Sie dokumentiert, inszeniert, tritt teilweise
als geisterhafte Erscheinung in den Bildern auf. Vor allem aber führt
sie Regie über unsere existenziellen Befindlichkeiten.
|