Klaus Wanker - Texte

Living in a Magazin
Über den schönen Schein und die abgründige Leere

Mode ist Perfektion für den Augenblick. Sie ist sowohl ein Versprechen von Einzigartigkeit als auch von Zugehörigkeit. Man kann sich der Mode nicht entziehen, besonders dann nicht, wenn man jung ist. Im Zentrum der Modewelt stehen die Models, die sie mit Leben füllen und von denen nur wenige selbst berühmt sind. Werbung und Musik haben Codes entwickelt, die die Jugendlichen in ihrer Identitätsbildung manipulieren. Der Wiener Maler Klaus Wanker legt seinen malerischen Fokus auf diese Streetwear-Fashionwelt der Jugend, bei der es ihm nicht um die Mode selbst geht, sondern um diese durch die Werbung vorgenommene Manipulation.

Immer sind es die Gesichter, die seine Bilder bestimmen. Sie blicken den Betrachter direkt an, schauen zur Seite, sind abgewandt oder blicken durch ihn hindurch. Den Körper nach oben gestreckt, den Kopf arrogant im Nacken, die Arme in den Hüften, stehen seine Figuren vor Farbblöcken, Kreisen und Streifen, der Gesichtsausdruck eigenartig entrückt. Sie sind alle jung und schön, ihre Schönheit berührt unmittelbar und wirkt doch durch die kühle Unnahbarkeit fast schmerzhaft. Die Gesichter repräsentieren nicht Persönlichkeit, nicht Charakter, sind keine Porträts: sie sind gemalte Oberfläche. Und dennoch verkörpern sie einen Anspruch auf ausgelebte Individualität.

Dieser Widerspruch steht stellvertretend für den einer jugendlichen Generation mit ihren Fragen nach Individualität, Gruppenzugehörigkeit und ihrer Positionierung innerhalb der Gesellschaft. Pose und Gesicht dienen nur einem Ziel: der Visualisierung eines Lebensgefühls. Ein Lebensgefühl, das über das Produkt, für das sie werben, nach Hause zu holen ist. Wankers Vorlagen stammen aus Modezeitschriften. Der Künstler entscheidet sich gezielt für Modewerbungen noch unbekannter Models, die auf ihren Durchbruch hoffen. Diesen Wunsch erhört Wanker - nur nicht in ihrem Sinne. Statt Werbe- oder Filmstars sind sie Mittelpunkt eines Bildes, das auf denselben Strategien basiert wie die Werbebilder. Wankers künstlerische Strategie der Entlarvung einer entseelten kommerziellen Branche und deren manipulierender Einfluss auf die Jugendkultur geht auf: Die Models sind in ihrer kühlen, strengen Schönheit beileibe nicht glücklich, sondern eigentümlich verletzlich. Wanker nutzt die Werbe- und Modefotografie als Ersatz, als einziger halbwegs legitimer Tummelplatz der aus der Hochkunst verbannten Schönheit.

Wanker konzentriert sich bei seiner Transformation von Konsumgütern auf eine stärker zunehmende Kommerzialisierung des Alltages, in dem Jugendliche sich zurecht finden müssen. Diese Symbole und deren gesellschaftlichen Aufladungen sind für ihn Schnittstellen zu seinen zentralen Bildern, denen der jugendlichen Models. In die malerische Übertragung fügt Wanker Hintergründe ein, deren Design typisch für Clubräume, U-Bahnstationen bzw. Musikvideos - also für austauschbare Räume - steht. Diese Hintergrundanteile reduziert er derart, dass nur rudimentäre, minimale geometrische Formen stehen bleiben, die dazu beitragen, den „Star“ wie vor einer Leuchtkasten-Kulisse zu präsentieren. Im gleichen Kontext steht die Auswahl der Bildausschnitte, die Hervorhebung des Gesichtsfeldes, die eng an die Nahaufnahmen der Werbefotografie anknüpfen.

Waren die Bilder zu Beginn unbetitelt, fügt er in den jüngsten Arbeiten Schrift hinzu, die jetzt auch die Bildtitel darstellen. Ausschlaggebend sind die schlagwortartigen Slogans der Werbung, dem Bild immer beigefügt, in Musikvideos und Filmen über das Bild gelegt. Diese Durchdringung von Schrift und Bild wird über die Transparenz der sich über das gesamte Bild erstreckenden Buchstaben visualisiert, die man zunächst gar nicht bemerkt. Auch Hollywood ist im Spiel. Besonders bei großen, teuren Hollywood-Produktionen spielt die indirekte Werbung, das Product Placement, eine immer zentralere Rolle. Diese unterbewusste Manipulation der Werbung will Wanker malerisch umsetzen. Die Schrift ist im Malprozess bereits enthalten, von links oben nach rechts unten wird sie gleichzeitig mit der Figur ins Bild gesetzt. Einmal bemerkt, durchdringt sie für immer das Bild. Die Schlichtheit steht eher für eine Antiwerbung, damit gegen ihr Motiv.

Für seine großen „Swimming Pool“-Bilder (200 x 300 cm) geht Wanker von Fotografien aus, die Wasser in einem Pool zeigen. Die Wellenbildung wird von Wanker aufgebrochen und in Farbsegmente zerlegt. In „Five Girls under Waterpool Fight“, eine auf dem Boden ausgebreitete Papierarbeit, die wirkt als blicke man von oben in einen Pool, rufen die jeweiligen Farben Assoziationen an tauchende Menschen unter der Wasseroberfläche hervor, die durch das bewegte Wasser in abstrakte Farbformen zerfließen. Wanker spielt in dieser Arbeit mit Figur und Abstraktion und entscheidet sich vor allem für die ästhetischen Möglichkeiten seines Themas. War bei der „Wasserarbeit“ bereits weniger die reine Malerei als die Idee der Präsentation vorrangig, betonte er in seinen nächsten Arbeiten einen erweiterten formalen Aspekt, die Größe.

Im Zentrum des darauf folgenden Ensembles stehen vier großformatige Bilder: auf „Flagship“ fliegt eine riesige rosa Erdbeere durch den hellblauen Farbraum, während auf einem weiteren Bild eine Weintraubenrispe auf leuchtend hellgrünem Untergrund schwebt. Blaubeeren geistern diffus durch die Materie, und all diese künstlichen, plastikähnlichen Früchte werden begleitet von drei weiteren kleineren Tondos (120 x 70cm) mit unterschiedlich farblich gepunkteten, rosa Erdbeeren („HX -105“). Gespeist wird diese Darstellung aus der Diskussion um genmanipulierte Nahrung. Wanker transformiert dieses Thema in aufgeblähten Früchtedarstellungen, die er auf Styropor arbeitet. Das künstliche Trägermaterial wirkt wie ein ironischer Fingerzeig auf die Manipulation der Natur. Ihre Größe zwingt sie auf den Boden, aufgereiht liegen sie dort neben der Erdbeere – eine Weintraube und ein Spiegelei, als würden die auf den Boden niedergerungenen monströsen Lebensmittel einen letzten Versuch machen, sich zu erheben.

In BANG BANG wird der Betrachter von drei Wände füllenden Arbeiten regelrecht umfangen. Wanker erweitert die zweidimensionale Malerei in den Raum: Die Bilder zeigen Szenen aus einem Videospiel, bauen einen Illusionsraum: Jugendliche leben in ihrer eigenen Welt, die nicht mehr nur aus zweidimensionalen Bildern besteht, sondern aus einer in sich geschlossenen Phantasiewelt. Auf einem großformatigen Gemälde sind in einer Landschaft drei junge Leute zu sehen, die in gegensätzlichen Richtungen mit Pistolen ins Leere zielen, dominiert von einem auf die Wand gemalten Hubschrauber, der die malerische Illusion zusätzlich steigert. Fünf bunte Scheiben aus Styropor stehen als abstrakte Zeichen für die abgegebenen Schüsse. Die Dramaturgie des Spiels erklärt sich nicht aus den Bildern. Wanker führt uns keine reale Situation des Gewinnens und Verlierens vor. Im Gegensatz zu vielen Positionen, die sich mittels Animation mit dieser Schnittstelle zwischen Fiktion und Wirklichkeit, den Videospielen, künstlerisch auseinander setzen, malt Wanker „Aktion“. Die Malerei hat diese Funktion längst an die neuen Medien verloren bzw. weitergegeben. Bilder aus diesen Sujets sich zurück zu ermalen, bedeutet, sich mit deren Ästhetik und Inhalt auseinander zu setzen und ihnen über die Malerei etwas hinzuzufügen.

Wurde von Wanker in BANG BANG über ein gemaltes Computerspiel in einer Rauminstallation die vermeintliche Freiheit eines zweiten „ICH“ einer jugendlichen Generation nachempfunden, simuliert er in seinem Magazin „Istar“ eine andere künstliche Realität, die eine Flucht aus dem Alltag ermöglicht: Für kurze Zeit lässt Wanker seine Models in eine eigene, ganz private Welt eintauchen, in der jede kurzfristig einem Stardasein frönen kann. Jeder ein Star, Warhols alte Forderung, ist heute aktueller denn je zuvor. Es scheint fast so, als wäre Star zu einem Logo geworden, das mit beinahe jedem Inhalt gefüllt werden kann, wie die Nachmittagsshows im Fernsehen täglich aufs Neue beweisen.

Wanker, der in seiner Studienzeit selbst als Model gearbeitet hatte, fand schnell heraus, dass hinter dem Glanz und der Magie des schönen Scheins in Wirklichkeit vor allem kaputte Menschen stehen. Schönheit und Glamour, charismatisch-körperliche Attraktivität sind Eigenschaften und Qualitäten, über die nicht gesprochen wird, schon gar nicht kritisch, weil man über sie stillschweigend-souverän verfügt. Schönheit ist reguliert und reglementiert. Wer oder was erscheint aus welchen Gründen als schön, wer bestimmt und wer definiert, was zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, die Bezeichnung „Schön“ verdient. Wanker malt Models. Die entstandenen Bilder integriert er in ein imaginäres Modemagazin “Imaginary Stardom. Collection 03/04“.

Wankers Starentwürfe bedeuten immer noch im warholschen Sinne vor allem Entideologisierung und Enthierarchisierung. Starsein ist zuerst Freiraum für Individualismus. Dass sich daraus erneut Gruppenphänomene ergeben, die spezifischen Codes und Unformierungen unterworfen sind, liegt in der Natur der Sache. Der Begriff des Istar = ichStar und seine Hochglanzzeitschrift „Imaginary Stardom“ sind dafür gemalte Kommentare. Als struktureller Bestandteil einer Jugendkultur verzahnen sich bei Wankers „Imaginary Stardom“ Outfit und Lebensgefühl zu einer Form eines Glücksgefühls, das ein vermeintliches Stargefühl intendiert. Wie in den realen Modezeitschriften zeigt auch Wankers Collection 03/04 zu allererst schöne Menschen in schöner Kleidung. Wanker belässt es in seinem Hochglanzmagazin nicht bei reinen ästhetischen Adaptionen: Die Fashion statements basieren auf Fashion codes. Wanker übersetzt diese Codes in sieben großformatig gemalte Barcodes, EAN-Bilder.

Das von der Umwelt vorgegebene Signet zur Bezeichnung von Produkten der Alltags- und Abfallwelt versieht Wanker auf hintersinnige Weise mit Änderungen: Als Grundlage für seine Codes nimmt Wanker die Setcards der Models. Sie beschreiben die reinen Äußerlichkeiten und Maße, sind zusammengefasste Oberfläche, um den Kunden über äußere Vorzüge die Verkäuflichkeit ihrer Produkte zu signalisieren. Das Individuelle wird auf eine reine Datenmenge reduziert. Entsprechend ist der malerische Anteil extrem reduziert, durch die Versiegelung mit einer Kunststoffschicht wird die Identitätslosigkeit noch betont. Letztlich bleibt die schöne Oberfläche ein Traumbild, aus dem man immer Musik herauszuhören glaubt, in einer sich völlig gegensätzlich darbietenden Realität.


Text: Peter H. Forster, 2005





 


 

Ausstellung "imaginary stardom" 2003, Reuterweg 18, Frankfurt



 

© 2009 All rights reserved: Galerie Adler Frankfurt - New York
Hanauer Landstraße 134, 60314 Frankfurt, Germany, +49 (0)69-43053962
mail@galerieadler.com, www.galerieadler.com