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Privatidyllen: Von Fertighäusern, Traumwohnungen und Schrebergärten
Das Streben nach Glück ist eine der größten Antriebskräfte im menschlichen Leben, und es erscheint selbstverständlich, dass es dann eintreten wird, wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen. Doch meist passiert das, was eine psychologische Studie der Harvard University von 2002 als „miswanting“ beschreibt: "Und dann müssen wir doch entdecken, dass das reiche und dauerhafte Glück, das wir uns versprochen hatten, nur oberflächlich, schal oder gänzlich abwesend ist." Genau für diese paradoxe Situation des vermeintlichen Glücks, der doppeldeutigen Idylle und der Enttäuschung der eigenen Erwartungshaltungen interessiert sich die Künstlerin Iska Jehl. Sie spürt in ihren Arbeiten die Glücksmomente der Menschheit auf und entlarvt sie im gleichen Moment als Illusion. Sie sucht nach alltäglichen, oft nur unbewusst wahrgenommenen Räumen - oder „Nichträumen“ - und fragt nach individuellem Geschmack und kollektiven Mustern. Vorgefundene Bilder, die uns immer wieder eine schöne Scheinwelt vorgaukeln, dienen ihr als Grundlage, die sie mit eigenen Fotografien kombiniert und digital bearbeitet. Unverfroren kombiniert sie sowohl Effekte verschiedener Glücksbild-Traditionen als auch Bildsprachen unterschiedlicher, sonst streng voneinander getrennter Typen von Kunst.
Drei neuere Serien von Iska Jehl widmen sich der privaten Idylle in unterschiedlicher Form. Für ihre Serie „Daheim“ verwendete die Künstlerin Landschaftspartien des ungemein erfolgreichen, amerikanischen Malers Kinkade, dessen kunsthandwerkliche, kitschige Arbeiten mit seinen vermeintlich virtuos gemalten, idyllischen Motiven eine enorm breite Masse ansprechen, die jedoch in der ernstzunehmenden Kunstwelt überhaupt nicht wahrgenommen werden. Jehl übernimmt seine Landschaften und Bildtitel, ersetzt aller-dings die romantischen Häuser, die er in seine Idyllen aus sonnenbeschienenen Bäumen und üppigen Blumengärten einbettet, durch strahlende Musterhäuser aus Katalogen deutscher Fertighausfirmen, die ihrerseits Träume vom trauten Heim bedienen. Diese Kombination ergibt jedoch keinen Superlativ an Heimatlichkeit, sondern löst eher Unbe-hagen aus, das durch den gänzlichen Verzicht auf Farbe, auf „Schönfärberei“ verstärkt wird und zum Bruch mit der Idylle führt.
Diese farbliche Reduktion steht ganz im Gegensatz zu einer früheren Serie mit dem Titel „Kleines Glück“. Hier lichtete Iska Jehl verschiedene Schrebergärten ab und bearbeitete die Fotos so, dass übertriebene, kräftige Pastelltöne und leuchtende grüne Rasenflächen ins Augen stechen. Kombiniert mit dem Effekt einer starken Weichzeichnung entsteht erneut ein Gefühl der Irritation bezüglich des vermeintlichen Glücks. Die Schrebergärten, die mit viel Liebe von ihren Bewohnern nach eigenem Geschmack gestaltet und schließlich von der Umgebung durch Zaun und Hecken sorgfältig abgeschirmt werden, beinhalten ja selbst schon das Paradox der ersehnten, selbstgeschaffenen Idylle und der harten Realität, die sich in der Enge des Raumes, der meist unattraktiven Lage zwischen Auto-bahnen und Bahngleisen und der sozialen Brisanz des nachbarschaftlichen Zusammen-lebens ausdrückt. Aneinandergereiht ergeben die Bilder eine große Panoramalandschaft ohne trennende Zäune, wobei die Gärten vom Hintergrund freigestellt wurden. Alles endet an der Gartenhecke, so dass der Bildraum Bühnencharakter für diese weiche „Watte-Welt“ erhält, auf dem die Kleinbürgerlichkeit mit Hirschgeweihen, Gartenzwergen und Geranien zur Aufführung kommt.
Mit der dritten Serie „Barbie forever“ geht Iska Jehl den Innenräumen des heimischen Glücks nach. Hier kombinierte sie zwei Traumwelten der Kinder- und Erwachsenenwelt: helle, weite Räume für Designermöbel, wie sie in edlen Katalogen abgebildet sind, mit billigen Plastikmöbeln der „Ideal-Puppe“ Barbie. Durch die digitale Bearbeitung hob sie nicht nur den Größenunterschied auf, sondern integrierte auch den amerikanischen Lifestyle von Barbie in die europäische Lebenswelt. Trotz kleiner, kaum wahrnehmbarer Irritationen ist die Übereinstimmung frappierend. Die Barbie-Sitzmöbel – die im Übrigen nicht mehr in Farbe oder Form manipuliert wurden – ließen sich so einfügen, dass auf den ersten Blick ein homogenes Ambiente entstehen konnte. Das ungewöhnliche Format der Bilder - sie sind alle rund und folgen perspektivisch dem Fischaugen-Prinzip – vermittelt dem Betrachter das Gefühl eines Voyeurs, der durch eine Art Türspion die doppelt heile Welt entdeckt und seinen Träumen vom „Schöneren Wohnen“ und „Glücklicheren Leben“ nachhängen kann.
Dr. Birgit Joos
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